An diese Peter Pan erinnere ich mich genau. Mitte der 1980er Jahre war ich überwiegend journalistisch tätig und es war die Zeit, als die Fährschifffahrt – vor allem auf der Ostsee – rasante Wachstumssprünge erlebte. Neue Fähren wurden immer größer, schneller und komfortabler.

Im November 1984 forderte die TT-Linie 20 in- und ausländische Werften zur Abgabe von Offerten für den Neubau ihrer inzwischen vierten Fährschiffsgeneration auf. Mit 718.000 Passagieren und 125.000 Fahrzeugen war man nämlich erneut an die Kapazitätsgrenzen gestoßen. Die neue Fähre sollte spätestens im Frühjahr 1986 als Ersatz für die bereits nach Tasmanien verkaufte Nils Holgersson III in Fahrt kommen. Den Auftrag erhielt die Bremerhavener Seebeckwerft, die sich wenig später auch über die vom schwedischen TT-Partner AB Swedcarrier erteilte Order zum Bau eines Schwesterschiffes freuen konnte.
Bereits am 9. Juli 1985 fand die Kiellegung für den 21.000-BRT-Neubau statt, natürlich als große Inszenierung. Die Pressestellen der Reedereien mussten sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, um die Aufmerksamkeit der schreibenden Zunft zu erheischen. Neue Fähren waren damals nichts Besonderes mehr, auch nicht, wenn sie ihre Vorgänger an Größe deutlich übertrafen. Ulli Kossel war lange Jahre für die Pressearbeit der TT-Line tätig, und wusste jedes mit dem Bau einer neuen Fähre verbundenen Ereignis gekonnt in Szene zu setzen. Diesmal legte die zwölf Jahre alte Elefantendame Dunja des Hamburger Zirkusses 'Royal' den Glückspfennig auf den Helgen unter die ersten Platten. Für die neue, dritte Peter Pan prägten die TT-Marketingstrategen den Begriff 'Jumbo' (der Ostsee).
Am 30. Mai 1986 – nach nur elfmonatiger Bauzeit –lieferte die Seebeckwerft ihre Bau-Nummer 1058 als Peter Pan an eine Patenreederei ab, für die die TT-Line in Hamburg als Korrespondent-Reeder tätig war. Bei 161 m Länge über alles und 27.6 m Breite bot das BRZ 31.360 (20.840 BRT) große Schiff 1.600 Passagieren Platz. Ihnen standen 1.322 Betten in 489 Kabinen und 145 Pullmann-Sitze zur Verfügung. Die neue Peter Pan war nicht nur das Flaggschiff der TT-Linie, sondern auch Hamburgs größtes Passagierschiff.
Die bis zum Schornstein 45 Meter hohe Fähre bot einen imposanten Anblick. Innovativ war die geschlossene Brücke mit seitlich überhängenden Nocken und rückwärtiger Verglasung, die einen guten Ausblick nach achtern ermöglichten. Die Brücke selbst war mit den modernsten Geräten und Instrumenten ausgestattet, darunter vier voneinander unabhängig arbeitenden Radargeräten. Bemerkenswert waren die vier unterschiedlich ein- und ausgerichteten Restaurants mit zusammen 1.000 Plätzen sowie das Konferenzzentrum mit insgesamt acht Räumen und maximal 250 Plätzen - dazu kamen ein großer Supermarkt und Boutique, Kinderspielraum. Außerdem gab es an Bord Videofernsehen, Fitnesscenter, Schwimmbad, zwei Saunen, Gymnastikraum und Solarium.
Nicht nur von den Abmessungen her war das neue TT-Flaggschiff ein Objekt der Superlative. Technisch verwirklichte die Bauwerft viele Aspekte des 'Schiffes der Zukunft'. Die Steuerung der vier von Krupp-MaK gebauten Motoren mit insgesamt 26.400 PS erfolgte in einem Maschinen-Kontrollraum modernsten Zuschnitts. Die weitgehend automatisierte Anlage ermöglichte 21,5 Knoten Dienstgeschwindigkeit. Die moderne Technik setzte sich bis in die Passagiereinrichtungen fort. Erstmals wurden die Kabinen nicht mehr durch herkömmliche Schlösser gesichert, sondern mit elektromagnetischen Türschlössern. Schlüssel wurden durch Magnetkarten ersetzt, die ebenfalls bei der Ausgabe von Speisen und Getränken genutzt wurden.
So imposant wie die Technik waren die Zahlen über die verarbeiteten Materialien. In allen den Passagieren zugänglichen Räumen wurden insgesamt 12.600 Quadratmeter Teppichboden zur Verlegung, dazu 3200 Quadratmeter PVC und Fliesen für Treppen und Sanitärräume. 300 km Leitungen und Kabel sicherten die elektrische Versorgung. 53 km Rohre das Sanitärsystem. Vier Fußballfelder könnten mit dem verarbeiteten Isoliermaterial (30.000 qm) bedeckt werden und 25 Tennisfelder mit den eingesetzten Dämpa-Decken (6500 qm) überdacht werden. In der Abwaschzentrale der Küche konnten 5000 Teller oder 15.000 Gläser in der Stunde abgewaschen werden.
Neu war auch das Logo. Bis weit nach Baubeginn wurden Zeichnungen der Schiffe verteilt, auf denen noch das bekannte TT-Saga-Emblem zu sehen war. In Fahrt kamen Peter Pan III und das Schwesterschiff Nils Holgersson IIII mit einer neuen Schornsteinmarke, die sich als Logo auf beiden Rumpfseiten wiederholte. Auch die Peter Pan II, die nach der Indienststellung der Peter Pan III als „Robin Hood“ bis zur Ablieferung der „Nils Holgersson IV“ im Februar 1987 fuhr, erhielt noch dieses neue Logo während eines Werftaufenthaltes in Rendsburg.
Am 2. Juni 1986 nahm die neue Peter Pan den Liniendienst zwischen Travemünde und Trelleborg auf, am 20. Februar 1987 der Nachbau Nils Holgersson III.
Gute sieben Jahre später, nach dem Ende der Saison 1993, wurde die Peter Pan III an eine andere TT-Line (Trans Tasman Line) übergeben, für acht Millionen DM von der Bremerhavener Lloyd Werft umgebaut und als Spirit of Tasmania in ihr neues Einsatzgebiet, dem Fährverkehr zwischen Australien und dem tasmanischen Inselreich, überführt. Dort war schon die kleinere Nils Holgersson III als Abel Tasman tätig. Zehn Jahre lang fuhr das Schiff für die Antipoden, dann wurde sie unter dem auf Spir verstümmelten Namen aufgelegt, zum Verkauf ausgeschrieben und schließlich 2003 an die Fjord-Line AS in Bergen veräußert. Nun verkehrt sie als Fjord Norway zwischen Norwegen und Großbritannien.
Gert Uwe Detlefsen