Es war ein stiller Abschied auf dem Friedhof der Schiffe. Am 22. Oktober 2003 lief die Fähre „Hermes V“ im indischen Alang auf den Strand. Was folgte, war die Stunde der Schneidbrenner. Damit ging eine 36-jährige Schiffsgeschichte zu Ende, die am 1. Juni 1967 mit der Probefahrt der Nils Holgersson bei der Lübecker Flender Werft begonnen hatte.

Das Jahr 1967 war für TT-Line einer der entscheidenden Punkte in den Anfangsjahren der jungen Fährlinie. Das Jahr begann mit einem tiefgreifenden Wechsel. Nach den erfolgreichen Anfangsjahren wurde die Bereederung der Linie von der Reederei J.A. Reinecke TT-Line übergeben. Doch noch bevor dieser organisatorische Wechsel vollzogen war, war für die gerade einmal fünf Jahre alte Startfähre Nils Holgersson (I) der Zeitpunkt der Ablösung gekommen. So kam es, dass genau rechtzeitig zur Sommersaison 1967 die TT-Line ihre Tonnage auf ein Idealmaß brachte. Zu der bereits seit 1966 im Dienst befindlichen Peter Pan gesellte sich im Juni die neue Nils Holgersson , die zweite Trägerin dieses Namens.
Obwohl nur geringfügig größer als die Vorgängerin, besaß die zweite Nils Holgersson einen ganz entscheidenden Vorteil. Sie konnte sowohl über das Vorschiff, als auch über das Heck be- und entladen werden. Sie hatte ein durchgängiges Ladedeck – was die Ladezeiten entscheidend verkürzte. Dies konnte die erste Nils Holgersson nicht, da sie lediglich eine Heckrampe hatte. Mit 850 Passagierplätzen und 350 Kabinenplätzen bot sie etwas mehr Platz als die Vorgängerin. Auf dem Autodeck des 21 Knoten schnellen Schiffes war Platz für 230 Autos.
Zuvor hatte die Reederei mit der Peter Pan positive Erfahrungen mit dem Bug-Heck-System gemacht – ähnlich wie auch andere Reedereien. So fing beispielsweise auch die Jahre Line auf der Route Kiel–Oslo 1961 bei der Kronprins Harald zunächst mit Seitenrampen an. Aber auch die Norweger gingen nach der ersten Schiffsgeneration sofort auf die durchlaufenden Autodecks mit Bug- und Heckrampen über. Schnell hatte man bei den Linien erkannt, dass ein Autodeck mit den zwei Öffnungen am Bug und Heck am effektivsten genutzt werden konnte. Zeitraubende Wendemanöver der Fahrzeuge entfielen, Be- und Entladezeiten wurden verkürzt.
Die zweite Nils Holgersson ist ein echtes Lübecker Produkt. Als Baunummer 562 lief sie am 21. Dezember 1966 bei der Flender Werft vom Stapel. Mit einer Vermessung von 4385 BRT und einer Länge von 123 Metern entsprach sie fast genau den Abmessungen der Schwester Peter Pan. Die Dienstzeit der Nils Holgersson (II) auf der Route Travemünde–Trelleborg-Route dauerte bis zum April 1975. Dann nämlich kam die dritte Nils Holgersson und das Flender-Schiff wechselte als Oliver Twist auf die Travemünde–Helsingborg Route. Es folgten abwechslungsreiche Jahre. Mal Fähre, mal Kreuzfahrtschiff. Schon damals war die Idee, die Fährfahrt mit der Kreuzfahrt zu verknüpfen, nicht selten. So kam es 1975 zu einem mehrwöchigen Kreuzfahrteinsatz der Oliver Twist.
1978 wurde die Fähre an die Lion Ferry AB in Halmstad ausgechartert und in Europafärjan IV umgetauft. Im Oktober 1984 erhält sie den Namen Europafärjan Syd. Ab Dezember 1978 diente sie auf der Lion Route zwischen Helsingborg und Grena auf Jütland. Der Weg des Schiffes führt schließlich weiter nach Polen, wo sie 1985 als LANCUT in die Flotte der Polska Zegluga Baltyka eingegliedert wird. Neun Jahre diente die Fähre anschließend unter polnischer Flagge. In dieser Zeit besuchte die Fähre auch regelmäßig Travemünde.
Abschied von der Ostsee nahm die alte Nils Holgersson im Frühjahr 1994. Im April des Jahres kaufte die European Seaways die Fähre. Als European Pride erlebte das inzwischen 27 Jahre alte Schiff seinen fünften Namenswechsel. Das Revier war fortan das Mittelmeer. Zunächst dient die Fähre auf der Route Brindisi–Patras–Cesme. 1997 wechselt sie zu Arcumanis auf die Strecke Bari–Cesme. 1998 kam der siebte Name: Die Reederei Ocean Crest Shipping taufte das Schiff in Nettuno um. Ein Jahr später erfolgte im Juni 1999 der nächste Wechsel, diesmal zu Disegno Mar Limited auf Malta, die dem Schiff den Namen HERMES gab. Aber der Wechselei nicht genug: Im Januar 2000 wurde die Fähre in Hermes V umgetauft und begann ihren letzten Einsatz. Italien–Griechenland–Albanien war die Strecke, die das Schiff bis zum Saisonende 2003 befuhr. Danach ging es ab zur Verschrottung nach Indien.
Frank Behling